Schon beim Betreten der Stadthalle stimmte der Musikverein Vaihingen/Enz (MVV) die zahlreichen Besucher auf einen mystischen Abend ein – im abgedunkelten Foyer wurden die Besucher von Kerzenschein und einem feuerspeienden Drachen inklusive Geräuschkulisse am Samstagabend zum Herbstkonzert empfangen. Auch in der Stadthalle selbst setze sich die durchdachte Dekoration mit einem echten Geisterschiff und stimmungsvoller Beleuchtung fort. Das Große Blasorchester unter Leitung von Sebastian Schwarz hatte ein spannendes Programm unter dem Motto „Drachen, Geister, Götter“ vorbereitet und der erste Vorsitzende, Gerd Wagner, versprach in seiner Ansprache zahlreiche Highlights und Spezialeffekte im Konzertprogramm.

Gleich zu Beginn setzten die Musiker mit „Music for a Festival“ von Philipp Sparke ein energisches Ausrufezeichen. Das ursprünglich für einen Brass-Band-Wettbewerb komponierte Stück ließ insbesondere die Blechbläser des Orchesters strahlen, doch auch im tutti lieferte das Orchester eine feierliche, strahlende Eröffnung mit professioneller Präzision. Der klare Aufbau des Stücks – Einzug, Jubel, Tanz, Finale – ließ das Publikum von der ersten Minute an mitgehen und stimmte auf ein abwechslungsreiches Programm ein.
Der Übergang zu Otto M. Schwarz’ „Dragon Fight“ verlieh dem Abend eine filmische Dramatik. Die Stück forderte die Zuhörer eindrucksvoll eine zur Fantasie auf: Drachenflügel, Heldenmut und der Kampf zwischen Gut und Böse standen hörbar vor dem inneren Auge. Die Musikerinnen und Musiker nutzten die gesamte Bandbreite des Orchesters und Dirigent Sebastian Schwarz zeigte ein feines Gespür für Dynamikwechsel um die Spannungen und die bilderreiche Handlung hörbar zu machen.
Mit „Lexicon of the Gods“ von Rossano Galante trat das Ensemble in eine monumentale Sphärenwelt. Die Epik und Mythologie offenbarte sich in klaren Gesten: Perseus’ Heldenkraft, Penthos’ Trauer und Zeus’ Donnerkraft wurden musikalisch greifbar. Besonders beeindruckend war das ausbalancierte Blechregister, das die gewaltigen Klangfarben des Werks in Szene setzte, während die Holzbläser technisch versiert und in emotionaler Leichtigkeit auch emotionale Farben auf den Punkt trafen. Das Publikum ließ sich von der filmischen Bildsprache mitreißen entließ die Musiker nach dieser kraftvollen Darbietung begeistert in die Pause.
Der Übergang zu „The Phantom of the Opera“ (Johan de Meij) bot eine gelungene Brücke aus Sinfonie und Musical. Die Bearbeitung für Blasorchester fesselte durch berühmte Melodien wie eine Ouvertüre voller düsterer Romantik, verführerischer Klangfarben und dramatischer Höhepunkte. Frank Hönekop prophezeite in seiner wie gewohnt gelungenen und kurzweiligen Moderation „Gänsehaut pur“ – und hat hiermit nicht zu viel versprochen. Die Musikerinnen und Musiker bewiesen erneut ihr technisches Können: präzise Artikulationen, klare Linienführung auch in dichtesten Passagen und eine spürbare Bühnenpräsenz, die die emotionalen Bögen des Musicals hörbar machten. Auch das Phantom selbst zeigte sich für einen Augenblick auf der Bühne, einer der eingangs versprochener Überraschungseffekte.
Zum grandiosen Abschluss entführte das Große Blasorchester mit „The Ghost Ship“ von Jose Alberto Pina in eine mysteriöse, sturmgeprägte Welt. Die Klangmalerei von Wind, Wasser, Plankenknarren und Donner erwies sich als würdiger Abschluss eines Konzerts, das Schauer, Spannung und Fantasie gleichermaßen in sich vereinte. Das Stück, komponiert mit Synthesizer-Einspielern brachte das Große
Blasorchester zu wahren Höchstleistungen. Durch künstlich erzeugten Nebel wurde auch wurde auch optisch ein stimmungsvolles Bild geschaffen. Die Energie und Freude der Musiker war förmlich in der Halle spürbar, als das Orchester das Geisterschiff mit kraftvollen Passagen ummalte. Die Schlusspassage brachte eine stoische Ruhe und gleichzeitig ein fulminantes Finale, für das das Publikum mit stehenden Ovationen bedankte.
Nach der Zugabe – einer kurzen, aber effektvollen Überraschung aus der Welt von „Die Schöne und das Biest“ und einem schwungvollen „Africa“ von Toto – zeigte sich erneut, wie vielzählig und flexibel das Orchester in der Lage ist, verschiedene Genre zu verschmelzen, ohne die eigene Klangidentität zu verlieren. Die Musikerinnen lieferten eine engagierte, konzentrierte Leistung ab, die durchweg gelungen war: sauber intonierte Phasen, stimmige Artikulationen, farbiges Tutti und eine hervorragende Balance zwischen Holz-, Blech- und Schlagwerkregister. Die Freude der Musiker am gemeinsamen Musizieren mit Ihrem Dirigenten Sebastian Schwarz war über den kurzweiligen Abend hinweg durchweg spürbar. Das Herbstkonzert des Großen Blasorchesters Vaihingen/Enz war ein eindrucksvolles Gesamterlebnis. Durch ein abwechslungsreiches Repertoire, klare musikalische Linienführung, eine mitreißende Erzählkultur und eine hervorragende Spieltechnik gelang es dem Orchester, Bilder, Geschichten und Emotionen „auf die Bühne“ zu bringen. Ein Abend, der die Leistungsfähigkeit des Musikvereins eindrucksvoll unter Beweis stellte und das Publikum mit einem zufriedenen, verzauberten Gefühl nach Hause gehen ließ.
Die Aufnahmen unseres diesjährigen Herbstkonzertes finden Sie ab sofort auf Youtube: https://www.youtube.com/c/musikvereinvaihingenenz